Aufgelesen…
Ich wurde 1949 in Berlin geboren. Meine Mutter stammt aus Litauen, mein Vater aus der Ukraine. Er war Soldat im Krieg und verliebte sich in meine Mutter, dann desertierte er von der russischen Armee um bei ihr bleiben zu können. Er verunglückte tödlich als ich zwei Jahre alt war. Wir wohnten damals in Norddeutschland. Meine Mutter lernte meinen Stiefvater im Urlaub kennen... nach einer Woche machte er ihr einen Heiratsantrag und am Ende der Ferien, nach drei Wochen, waren sie verheiratet.
Wir zogen nach Süddeutschland. Ein Jahr später, 1956, wurde mein Bruder geboren. Ich ging zur Volksschule und anschließend zur Handelsschule. Als ich 15 war, war ich in einer Clique die aus vielen jungen Leuten bestand. Einer interessierte sich besonders für mich. Er war schon 23 und ich fühlte mich geschmeichelt... war aber noch doof und wusste nicht was er eigentlich von mir wollte. Eines Tages holte er mich von der Schule ab und vergewaltigte mich. Aufgeklärt wurde ich nie und so wusste ich auch nicht was da mit mir passierte. Ich habe mich nur geschämt und nichts gesagt. Ich wurde schwanger. Das kam erst raus als ich im 7. Monat war. Meine Eltern...die Schule... es war keine schöne Zeit.
1966 wurde mein Sohn geboren. Zuhause... ich bin vorher aus dem Krankenhaus abgehauen wegen der Lieblosigkeit der dortigen Nonnen. Meine Eltern liebten das Kind und meine Mutter sorgte tagsüber für ihn, so dass ich meine Schule abschließen konnte. Von Männern hatte ich erstmal genug bis ich 23 war. Dann lernte ich Pino kennen. Seine Mutter war Engländerin sein Vater Sizilianer. Durch ihn taute ich wieder auf. Nach einigen Monaten redete er von Ehe und vielen Babys. Ich war glücklich und wurde prompt wieder schwanger (ich war immer fruchtbar wie ein Kaninchen, musste bloss aus derselben Tasse mit einem Mann trinken und war hops). Als ich mit der Nachricht vom Arzt kam flippte er aus, schlug mich blutig und schrie mich an, dass das unmöglich sei, er sei schliesslich schon verheiratet und habe zwei Kinder. Ich war vorher bei seinen Eltern… bei seiner Schwester... niemand sagte mir etwas davon. Er lebte von seiner Familie getrennt.
Ich arbeitete zu der Zeit als Grenzgängerin in der Schweiz, d.h. nach Büroschluss musste ich die Schweiz verlassen. Im 5. Monat bekam ich eine Gestose und musste ins Krankenhaus, durfte mich nicht viel bewegen bis zur Geburt. Ich verlor meinen Job (richtigen Mutterschutz gibt es bis heute nicht in der Schweiz). Im Sept. 1974 wurde meine Tochter Angelica geboren. Gesund. Meine Eltern tobten. Ein zweites uneheliches Kind... welche Schande... damit wollten sie nichts zu tun haben und haben die Kleine nie angeschaut. Eine Sozialarbeiterin des Krankenhauses (das war in Schaffhausen) gab mir die Adresse eines kleinen Kinderheims in das ich Angelica brachte. Sie fühlte sich wohl dort. Ich arbeitete bei einer Zeitarbeitsfirma um Geld zu verdienen. Das war aber auch die Zeit der Ölkrise und der Rezession. Ich bekam für die Schweiz keine Arbeitsbewilligung mehr. Arbeitslosengeld auch nicht. Die Schweizer (die aber immer Beiträge abgezogen hatten) sagten das gelte nicht für Ausländer und für die Deutschen war ich ja immer in der Schweiz beschäftigt.. die interessierte das auch nicht. Und ich hatte keine Ahnung.
Meine Tochter habe ich regelmässig besucht. Aber das Heim war teuer, mein Sohn, war auch noch da... ich konnte das Heim nicht mehr bezahlen. Eines Tages nahm mich die Heimleiterin auf die Seite und meinte wenn ich bis in einer Woche nicht zahle, dürfe ich Angelica nicht mehr sehen. Ich war total verschüchtert, doof, und überfordert. Auf die Idee sie einfach mitzunehmen kam ich nicht... wohin auch. Dann machte ich den ersten Riesenfehler.... ich besuchte Angelica heimlich im Garten... und wenn sie von den anderen Kindern ausgefahren wurde im Kinderwagen (ich half nach mit Gummibärchen, dass sie es taten). Das ging 4 Monate so.... dann kam ein Anruf (und nur das) vom Jugendamt in dem mir mitgeteilt wurde, dass Angelica abgeholt wurde und zu Adoptiveltern gebracht worden sei. Ich wäre ja nicht in der Lage für sie zu sorgen. Punkt. Ach ja, ich könne mir ja einen Anwalt nehmen wenn mir das nicht passt.
Dann kam Riesenfehler Nummer Zwei. Ich war verzweifelt und statt zu kämpfen schluckte ich Schlaftabletten, wollte nicht mehr leben. Ich schluckte die Tabletten im Bad und unterschätzte die Wirkung. Ich schaffte es nicht bis ins Schlafzimmer sondern brach im Flur zusammen und eine Tante fand mich. Ich wachte mit ausgepumptem Magen im Krankenhaus wieder auf. Damit waren meine Karten aber noch schlechter geworden meine Tochter wieder zu bekommen. Das sagte man mir auch und ich sammelte noch im Krankenhaus alle Tabletten (geklaut von Mitpatienten und aus dem Schwesternzimmer) die ich finden konnte und schluckte sie. Ergebnis: siehe oben... ein nochmals ausgepumpter Magen. Eine sehr nette Ärztin sorgte dafür, dass ich nicht in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Ich habe meine Tochter bis heute nicht wiedergesehen. Bei den Gesetzen habe ich auch keine Chance, wurde mir gesagt... das kann nur sie... wenn sie mich kennenlernen will bekommt sie meinen Namen und die Adresse. Ich bin nicht mehr gläubig und in keiner Kirche... aber es ist eine Art von Gebet, täglich, dass sie mich einmal sehen will. Vor Jahren habe ich mit einer Psychotherapeutin darüber geredet und sie sagte, ich müsse von Angelica Abschied nehmen, so wie man sich von Toten verabschiedet. Das konnte ich nicht und hat alles noch viel mehr verschlimmert.
Ich kann sagen, auch jetzt nach fast genau 30 Jahren, der Schmerz hört nicht auf. Im Gegenteil, er wird immer heftiger. An ihren Geburtstagen bin ich wie gelähmt schon Tage vorher und auch nachher.
Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie vorher und obwohl ich anschließend verheiratet war (mein Mann starb 19..) noch einen Sohn bekam und Zwillingsjungs die leider starben, nichts beschäftigt mich so sehr wie meine Tochter und der Gedanke wie es ihr wohl ergangen ist, wie und wo sie lebt, ob ich vielleicht sogar schon Enkel habe........
Ich bin schwer depressiv, habe Schlafstörungen und im Moment helfen mir meine 4 Katzen, von denen 3 unerwünscht und gequält waren, am Leben zu bleiben.
Maria

Harald Paulitz – 1997 – „Offene Adoption – Ein Plädoyer“
S. 44 ff.
„Ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden, als ich einen Sohn geboren habe. Diesen Jungen habe ich leider nie zu Gesicht bekommen. Schon vor der Geburt war seine Adoption eine beschlossene Sache gewesen, die zwischen meinen Eltern und dem Jugendamt arrangiert worden war. Ich wurde während der letzten Monate meiner Schwangerschaft zu einer Tante aufs Land geschickt, so dass niemand aus dem gesellschaftlichen Umfeld der Familie nur einen Verdacht hätte schöpfen können. Als der Zeitpunkt der Geburt nahte, standen die neuen Eltern bereits fest. Nach der Geburt hörte ich lediglich den ersten Schrei meines Jungen; einen Blick auf das Kind hatte man mir verwehrt. Man hielt mich gewaltsam im Wochenbett fest. Man teilte mir lediglich mit, dass es sich um ein gesundes Kind handele, worüber ich natürlich sehr erleichtert war.
Die künftigen Adoptiveltern lebten in geordneten und finanziell gesicherten Verhältnissen. Meine Eltern waren nicht bereit, mich bei der Versorgung und Erziehung meines Kindes zu unterstützen. Meine Eltern, insbesondere mein Vater, stellten mich vor die Alternative: Adoptionsfreigabe oder ein Leben ohne materielle Absicherung mit einem Säugling auf der Straße zu stehen, keine Berufsausbildung usw. Auch von Seiten des Jugendamtes kam nicht ein entfernter Hinweis darauf, welche Chance ich gehabt hätte und mit welchen Hilfen ich hätte rechnen können, wenn ich das Kind hätte alleine aufziehen wollen.
Inzwischen sind über zwanzig Jahre vergangen. Ich bin verheiratet, wir haben einen fast neunzehnjährigen Sohn, der jedoch nichts von seinem Halbbruder weiß. Wir haben ein kleines Haus und leben in geordneten und sehr zufriedenen Verhältnissen. Seit geraumer Zeit beschleicht mich jedoch immer öfter ein eigenartiges Gefühl. Mein zur Adoption freigegebener Sohn, der inzwischen volljährig ist, könnte mich ja bereits suchen und kennen lernen wollen. Vielleicht möchte er von mir wissen, weshalb ich ihn zur Adoption freigegeben und nicht bei mir behalten habe. Da er volljährig ist, stünde es ihm ja frei, nach mir zu forschen. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich ihm alles erklären könnte, aber er ist bis heute nicht gekommen. Ich überlege dauernd, was ich tun könnte, um ihn meinerseits zu suchen. Ich dachte in jüngster Zeit schon mehrmals daran, mich an das Jugendamt zu wenden, das seinerzeit die Adoptionsvermittlung vorgenommen hat. Oder soll ich besser warten, bis er sich bei mir meldet?“

„Als ich Axel zur Adoption geben musste, war ich neunzehn Jahre alt. Meine Eltern und Geschwister haben meine Verbindung zu Axels Vater missbilligt, woraufhin ich mein Elternhaus verlassen habe und mit ihm zusammenzog. Da ich damals noch nicht volljährig war, konnten wir nicht heiraten. Allerdings entpuppte sich Axels Vater im Laufe der darauf folgenden Zeit leider als ein labiler Mensch, der dem Alkohol und der Spielleidenschaft verfallen war und mich mit unseren Problemen alleine ließ. Auf Drängen meiner Eltern kehrte ich wenige Wochen vor der Entbindung zu meinen Eltern zurück. Dort wurde ich – entgegen aller vorherigen Zusagen – von meinen Eltern und meinen Geschwistern unter Druck gesetzt, mein Kind nach der Entbindung zur Adoption freizugeben. Wie ich später erfuhr, hatten sie zuvor bereits mit der zuständigen Adoptionsvermittlungsstelle beim Jugendamt darüber gesprochen. Unerfahren, unsicher und verängstigt, wie ich damals war, gab ich dem anhaltenden und wachsenden Druck nach, obwohl Axel ein Wunschkind gewesen ist.
Weder meine Familie noch das Jugendamt haben mir Alternativen zur Adoption aufgezeigt; ich hatte keine Ahnung von meinen Möglichkeiten, das Kind zu behalten. Am ersten Abend, den ich nach der Entbindung wieder in meinem Elternhaus verbracht habe, schlug ich in meinem Zimmer infolge eines Zusammenbruchs alles kurz und klein. Ich habe den Schmerz über den Verlust meines Kindes nie völlig überwunden und meinen Eltern und Geschwistern ihr unverantwortliches Handeln bis heute nicht verziehen.
Die Folgen, welche die Adoption und deren Begleitumstände für mich hatten, haben mein ganzes weiteres Leben mitbestimmt. Ich war jahrelang todunglücklich darüber, und auch mein Mann, den ich etwa vier Jahre später kennen gelernt hatte, konnte mir nur schwer darüber hinweghelfen. Inzwischen haben wir zwei gesunde und prächtige Kinder im Alter von zehn und vierzehn Jahren, die von ihrem Halbbruder wissen. Ich habe die Hoffnung, eines Tages etwas über meinen ersten Sohn in Erfahrung zu bringen, nie aufgegeben. Oft habe ich mich damit getröstet, dass er eines Tages sich vielleicht selbst auf die Suche nach seiner Mutter begibt. Allein dieser Gedanke ließ mich die letzten Jahre alles besser ertragen.
Inzwischen ist mein Sohn volljährig, und seitdem haben sich meine Hoffnungen wieder verstärkt, dass er mich nunmehr suchen wird. Mein Mann und unsere beiden Kinder würden sich ebenfalls freuen, von ihm etwas zu hören und ihn vielleicht sogar persönlich kennen zu lernen. Es liegt mir keineswegs daran, Axels Adoptiveltern Kummer zu bereiten und würde es sogar respektieren, wenn deren Einwände ein Grund sein sollten, dass ich ihn nicht persönlich kennen lernen darf. Aber ich wäre schon glücklich, wenn ich erfahren dürfte, wie er sich entwickelt hat und was er heute macht. Ich würde mich auch freuen, wenn ich einige Bilder von ihm bekommen könnte. Manchmal denke ich, wenn ich ihm nur sagen könnte, wie alles gewesen ist und, dass ich immer an ihn gedacht und ihn nie vergessen habe.
Es ist leichter sein Neugeborenes zu Grabe tragen zu müssen, als sein Kind durch eine erzwungene Adoption zu verlieren. Das Grab kann man jedenfalls besuchen. Ich gebe jedoch meine Hoffnung, ihn schließlich doch noch kennen zu lernen, nicht auf.“