Adoptiveltern

 

 

Auszüge aus dem Buch „Gekaufte Kinder – Babyhandel mit der Dritten Welt“

von Rolf P. Bach

 

In der Bundesrepublik gibt es ca. 800.000 kinderlose Ehepaare, denen eigene leibliche Nachkommen versagt bleiben. Schätzungen sagen, dass etwa 15 % aller – verheirateten – Paare ein solches Schicksal erleiden.

 

Ende des 19. Jahrhunderts wurden erstmals ausführliche adoptionsrechtliche Regelungen in das Bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches aufgenommen. Die damalige Begründung ist auch heute noch aktuell: „Die Annahme (Adoption) ist namentlich für wohlhabende, edel denkende Personen, welche in kinderloser Ehe leben, ein erwünschtes Mittel, diesen Mangel zu ersetzen. Wird dadurch Gelegenheit geboten, insbesondere mittellosen, von Natur begaben Kindern eine große Wohltat in materieller wie in geistiger Beziehung zu erweisen und dazu beizutragen, die natürlichen Anlagen derselben zum Besten der Gesellschaft zu vollkommener Entwicklung zu bringen, so wird andererseits durch die Annahme von Kindern sehr häufig ein tief empfundenes, geistiges Bedürfnis der Adoptiveltern befriedigt und das Glück ihrer Ehe gefestigt …

 

Die Zahl der Adoptionsvermittlungen pro Jahr, ca. 8.000, blieb nach dem Krieg bis Mitte der siebziger Jahre konstant. In demselben Zeitraum  aber stieg die Zahl der Adoptionsbewerber, denen kein Kind vermittelt werden konnte, von 2.500 auf mehr als 15.000 jährlich. Die Adoptionsvermittlungsstellen hatten lediglich noch Schwierigkeiten, Adoptiveltern für ältere Kinder, die einen längeren Heimaufenthalt hinter sich hatten, oder solche Kleinkinder zu finden, die körperlich, vor allem aber geistig behindert waren. An dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert.

 

Zwar ist die Zahl der Adoptionen – vor allem nach Schaffung eines neuen Adoptionsrechtes 1977 – für einige Jahre auf mehr als 10.000 angestiegen, die der unberücksichtigten Adoptionsbewerber aber liegt seit Jahren bei mehr als 20.000. Durch das neue Adoptionsgesetz wurden die Voraussetzungen und Wirkungen einer Adoption grundlegend verändert. Das adoptierte Kind wird juristisch wie ein leibliches in die Adoptivfamilie integriert, alle rechtlichen Bindungen zur Herkunftsfamilie werden gelöst. Die Entscheidung über die Adoption ist weitgehend dem Bereich privater Willenserklärungen entzogen und stärker der staatlichen Kontrolle durch Vormundschaftsgerichte und Jugendämter überantwortet. Die rechtlichen Voraussetzungen, Kinder auch gegen den Willen ihrer leiblichen Eltern adoptieren zu lassen, wenn diese ihre Pflichten vernachlässigen, wurden erleichtert.

 

Wenn dies auch nicht ausdrücklich ausgesprochen wurde, so sollte durch die Adoptionsreform auch ein Ventil für die drängende Ungeduld jener Zehntausende wartender Adoptionsbewerber geschaffen werden, die verbittert vor den Türen der Vermittlungsstellen standen.

 

Konflikte der Adoptionsbewerber mit den Adoptionsvermittlungsstellen, deren Arbeit als bürokratisch schwerfällig, inkompetent und anmaßend kritisiert wird, sind unausweichlich. Die Vorwürfe werden häufig daraus abgeleitet, dass man – vor allem aufgrund einschlägiger Berichterstattung in den Medien – zu wissen glaubt, das sich noch zahlreiche Kleinkinder in den Heimen befinden, die vermittelt werden könnten, wenn sich die zuständigen Behörden nur intensiver ihrer annehmen würden. Übersehen wird dabei, dass viele Kinder sich nur vorübergehend wegen familiärer Schwierigkeiten in einem Heim befinden und dass deren Eltern keinesfalls bereit sind, sie zur Adoption freizugeben. Seit Jahren schon leben weniger als 1.000 Kleinkinder in der gesamten Bundesrepublik länger als einige Monate in Heimen. Fast alle leiden sie unter schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen.

 

Mehr als 95% aller adoptionswilligen Ehepaare aber wollen ausschließlich einen gesunden Säugling oder ein gesundes Kleinkind, allenfalls bis zum Alter von zwei bis vier Jahren.

 

Galten Kinder über lange Perioden der westdeutschen Nachkriegsgeschichte hinweg eher als hinderlich auf dem Weg zu einem selbst bestimmten, an materiellem Wohlstand und der Konsumbefriedigung orientierten Dasein, hat sich dies mittlerweile in Teilen der Gesellschaft ins Gegenteil verkehrt.

 

Das Alter der meisten Adoptionsbewerber liegt zwischen 30 und 40 Jahren. Oft sind es Ehepaare, die nach einer qualifizierten Ausbildung und Jahren des sie vollständig absorbierenden Einstiegs in eine gesellschaftlich angesehene berufliche Karriere, einschließlich aller dazugehöriger materiellen Statussymbole, erst recht spät nach der Eheschließung dem Wunsch nach eigenen Kindern Raum gegeben haben. Ihr Kinder- und damit oftmals unfreiwillig auch Adoptionswunsch konkretisiert sich meist zwischen dem fünften und zehnten Ehejahr. Materiell gesättigt, beruflich zufrieden oder – auch das nicht selten – frustriert, suchen sie nun nach einer neuen Sinngebung für ihr weiteres Leben.

 

Das oft überduchschnittliche Familieneinkommen, das sie im übrigen von solchen Ehepaaren unterscheidet, die ein Pflegekind aufnehmen und dabei auf die Pflegegeldleistungen des Staates angewiesen sind, erlaubt es ihnen, ohne Einschränkung der eigenen Bedürfnisbefriedigung an die Adoption eines Kindes zu denken. Weit überrepräsentiert sind dabei Angehörige der gehobenen Mittelschicht, wie Ärzte, Juristen,  Apotheker, Ingenieure, Kaufleute, Pfarrer und Journalisten. An der Spitze aber stehen mit nahezu 25 % aller Adoptionsinteressierten die Lehrer.

 

 

 

 

Adoptiveltern

 

 

Auszüge aus dem Buch „Ich habe mein Kind fortgegeben“

von Christine Swientek

 

 

Der Wunsch, ein Kind anzunehmen, bei sich aufwachsen zu lassen, ist ein sehr egoistischer Wunsch. Und daran ist nichts auszusetzen! Problematisch wird es erst, wenn das Ehepaar sich einerseits die tiefer liegenden Motive nicht selber eingestehen kann und wenn Adoptionsvermittlungsstellen diesen egoistischen Wunsch („wir möchten ein Kind für uns beide“ – „wir möchten ein Kind bei uns aufwachsen lassen, weil wir Freude an Kindern haben“) nur dann gelten lassen, wenn die zusätzlichen sozialen Anteile in der Begründung nicht zu knapp ausfallen. Das oft diffuse „Helfen wollen“ wird sozusagen gefordert. Die Adoptiveltern kommen diesen Anforderungen auch zumindest verbal nach. Häufig sind sie sogar davon überzeugt, nur helfen zu wollen, ohne eigene Wunschanteile deutlich heraus zu spüren.

 

Die Folge davon können überzogene Dankbarkeitserwartungen sein, die kein Kind später jemals erfüllen kann. In den meisten Fällen hält dieser soziale Anspruch einer näheren Überprüfung auch nicht stand. Wenn es so wäre, blieben nicht die älteren Kinder (ab ca. 3 Jahren) und vor allem die behinderten Kinder bei der Vermittlung übrig.

 

Ein weiterer Faktor lässt die Wünsche der Adoptiveltern nach einem eigenen Kind manchmal problematisch erscheinen. An das Adoptivkind werden von vorneherein Anforderungen gestellt, die an ein eigenes nie gestellt werden könnten: ein bestimmtes Geschlecht wird gewünscht, auch ein bestimmtes Aussehen und vor allem werden oft sehr hohe Anforderungen an die Gesundheit des Kindes gestellt. In keinem anderen Punkt wird die Selektion so deutlich wie daran: man will ein völlig intaktes, makelloses Kind, ein süßes Herzeige-Baby. Kein leibliches Elternpaar ist davor gefeit, ein Mädchen statt einen Jungen zu bekommen, ein Kind zu gebären, das nicht hellblond ist, sondern den feuerroten Schopf seines Großvaters geerbt hat.

 

Die Motivation zur Aufnahme eines fremden Kindes ist nicht nur für den Prozess der Vermittlung des Kindes ausschlaggebend. Die Motivation beinhaltet neben den eigenen (bewussten und unbewussten) Wünschen für das eigene Leben auch bestimmte Erwartungen an das Kind, und sie prägt die Einstellung zu dem heranwachsenden Menschen, das Verhalten ihm gegenüber. Die Herkunft des Kindes spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle. Es ist dabei weniger wichtig, woher ein Kind kommt, als vielmehr, wie weit sich die Adoptiveltern mit dieser Herkunft einverstanden erklären und sich mit ihr positiv auseinandergesetzt haben. Dabei ist nicht nur die soziale und biologische Herkunft, sondern auch die einfache Tatsache ausschlaggebend, das eine Mutter überhaupt in der Lage ist, ihr Kind „wegzugeben“. Das allein disqualifiziert sie in den Augen vieler bereits in dem Maße, dass kein positives Bild mehr entstehen kann.

 

Fatale Auswirkungen hat auch die unrealistische – aber sehr häufige Haltung der Adoptiveltern, dass sie sich die Annahme eines „fremden“ Kindes nicht selber und anderen gegenüber eingestehen können. Die Annahme als „eigenes“ Kind, geht dann soweit, dass von der Adoption, von der Herkunft des Kindes und von der leiblichen Mutter in diesen Familien nicht gesprochen werden darf.

 

Der größte pädagogische Fehler, der daraus resultiert, ist die mangelnde Aufklärung des Kindes über seinen Adoptionsstatus zu einem Zeitpunkt, zu dem das Kind seine Geschichte als „normal“ akzeptieren kann. Diese Eltern müssten sich fragen lassen (leider tut das keiner mehr, wenn die Adoption erst mal abgeschlossen ist) was sie wirklich bewogen hat, ein Kind aufzunehmen und wie sie selber diese ihre Motive verarbeitet haben. Dabei scheint das Problem der Kinderlosigkeit durch Zeugungsunfähigkeit des Mannes oder durch Unfruchtbarkeit der Frau am schwersten zu bewältigen zu sein. Adoptiveltern, die ihre eigene Kinderlosigkeit als Mangel erleben, sie nicht akzeptiert haben, sich unvollständig, minderwertig oder allgemein gehandikapt fühlen, die sich auch nicht der tatsächlichen Einstellung ihres Ehepartners zu diesem „Makel“ bewusst sind, tun sich besonders schwer mit der Tatsache, dass ihr Kind eben „nur“ angenommen und kein biologisches eigenes ist.

 

Je weniger die eigene Kinderlosigkeit verarbeitet und bejaht wird, umso problematischer gestaltet sich das (immerhin künstliche!) Eltern-Kind-Verhältnis. Das Kind ist unter Umständen dem einen Ehepartner ein beständiges Indiz seiner eigenen Unfähigkeit, dem anderen eine permanente Erinnerung an den „Mangel“ des Partners. So erhält das Kind eine Ersatz-Funktion, die sich bei Schwierigkeiten in Ehe und Erziehung später zu einer ausgeprägten Sündenbockrolle entwickeln kann.

 

Adoptiveltern beklagen sich bundesweit über jahrelange Wartezeiten. Viele sind kinderlos, viele haben gar keine realen Vorstellungen von der Pflege und Erziehung eines Kindes. Das Kind soll die Familie vervollständigen, es soll die Frau in ihren fraulich-mütterlichen Bedürfnissen ausfüllen, es dient dem sozialen Status („Was Ihr habt immer noch kein Kind? -  Ihr seid doch schon seit sechs Jahren verheiratet.) Ein Adoptivkind komplettiert nicht nur die Familie, sondern bringt auch noch das besondere Prestige, sich sozial engagiert zu haben.

 

Viele Ehepaare, die schon jahrelang auf ein eigenes Kind gewartet haben und dann jahrelang auf die Vermittlung eines fremden Kindes warten, haben völlig diffuse Vorstellungen davon, was es heißt, ein Kind aufzuziehen. Sie haben im Laufe der Jahre einen stark eingeengten Blickwinkel bekommen – der nur noch darauf gerichtet ist, auf alle Fälle und mit allen Mitteln nun endlich ein Kind zu bekommen. Diese Bestrebungen werden bei manchen im Laufe der Jahre zum wesentlichen Lebensinhalt, sie werden zur „fixen Idee“, bei der die Realitäten nicht mehr gesehen werden. Entsprechend überhöht sind die Erwartungen an das Kind und an ein Zusammenleben mit dem Kind: von süßlicher Mutter-Kind-Werbung für Babyprodukte betört – die ewig glückliche Mutter – die Frau, die erst durch ein Kind „Verwirklichung“ erfährt – das Baby zum Knuddeln und Präsentieren – und später das hochintelligente Vorzeige-Kind, das Produkt der eigenen Investitionen: seht her, was wir aus diesem fremden Kind gemacht haben!

 

 

 

 

Motivation von Adoptiveltern

 

Auszüge aus dem Buch: „Adoption – warum nicht offen?“

von Haro Schreiner

 

Die Motivation, Kinder zu adoptieren, wird fast immer geprägt von der Tatsache der Kinderlosigkeit. Das Adoptivkind konstituiert sozusagen die „Familie“. Die medizinische Tatsache, dass die Frau oder der Mann oder beide zusammen beteiligt sind an der Unfruchtbarkeit wird oft unverarbeitet verdrängt und mit dem Adoptivkind wird eine „normale Familie“ gespielt. In unserer Kultur leidet aus rollenspezifischen Gründen die Frau mehr unter Kinderlosigkeit als der Mann, der sich im Beruf verwirklichen kann. In meinen Untersuchungen habe ich festgestellt, dass dieses Bild auch heute noch durchaus realistisch ist. Dies geht so weit, dass der Mann sich ein Kind wünscht, damit seine Ehefrau beschäftigt und nicht mehr so „hysterisch“ ist wegen der Kinderlosigkeit. Kommt ein Kind in eine solche Familie, dann besteht die Gefahr, dass diese sich nach außen hin abschließt.

 

Die Tatsache der Adoption wird evtl. nur widerwillig dem Kind vermittelt. Oft wird die Ausrede benutzt, dass man nur antwortet, wenn das Kind fragt. Die Geburtsmutter wird neutral bzw. negativ dargestellt und es entsteht der Eindruck, dass eigentlich das Adoptivkind dankbar sein müsste, dass es Eltern gefunden hat und aus schlechten Verhältnissen („Slums“) geholt und gerettet wurde. Unbewusst kommen Ängste auf, ob nicht schlechte Erbanlagen so mächtig sind, dass auch eine sehr gute Erziehung nichts dagegen ausrichten könnte.

 

Neben Wohlstand, Reichtum und Konsum stellt sich zunehmend die Lebenssinnfrage in unserer Kultur. Kinder bedeuten Zukunft, Adoptivkinder helfen somit auch eine Lebenssinnfrage der Adoptiveltern zu klären. Diese investieren viel Zeit, Gefühle und Geld in ihr Adoptivkind.