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Das Adoptionsspiel

 

Betty Jean Lifton – “Adoption“

 

Die meisten Adoptierten wachsen als Adoptivkinder auf, ohne die Geschichte der Adoption zu kennen. Ich, die ich meinen besonderen Status vor jedermann verbarg, kannte sie ganz sicher nicht. Aber als ich schließlich begriff, dass es meine Geschichte war, und sah, wie sie mein Schicksal beeinflusst hatte, ging ich ihr bis zu ihrem Ursprung nach und stellte fest, dass er ebenso mit Sagen und Legenden verflochten war wie meine Herkunft.

 

Am Anfang, sagen uns Sozialhistoriker, war das Wort - Adoption. Adoption war ungewöhnlich in der Welt der Tiere, aber nicht in der unseren. Es gab Richtlinien dafür im babylonischen "Codex Hammurabi", der ältesten schriftlich niedergelegten Gesetzessammlung. Es gab Moses, angenommen von der Tochter des Pharao, nachdem sie ihn in einem Korb im Schilf gefunden hatte; und Ödipus, ausgesetzt, dann vom König von Korinth und dessen Gattin als ihr eigener Sohn aufgezogen. Moses und Ödipus sind die Ahnen des Adoptierten, stehen am Beginn einer langen Kette, die vom alten Rom über die neueren Reiche Europas und Asiens bis zu den Vereinigten Staaten von Amerika reicht. Wir wissen nicht, ob Moses jemals fragte: "Wer bin ich?" Hingegen ist uns bekannt, was geschah, als Ödipus diese Frage stellte, und welche Folgen sich daraus ergaben, dass er nicht Bescheid wusste. Als er die Wahrheit erfuhr, war es zu spät - da hatte er schon gemordet und Blutschande getrieben. Er stach sich die Augen aus.

 

Wir besitzen keine Unterlagen über das Schicksal der Millionen anderen Adoptierten vom Altertum bis heute, keine Dokumente darüber, ob in babylonischer Zeit Kinder, die unbeirrt nach ihren Vätern und Müttern forschten, ihren leiblichen Eltern zurückgegeben wurden, wie es der "Codex Hammurabi" bestimmte, und ob den von Höflingen Adoptierten, einer besonderen Gruppe, der das Suchen verboten war, Augen und Zunge herausgerissen wurden, wenn sie dem Gesetz getrotzt hatten. Wir haben aus keiner Periode Zeugnisse der Erfahrungen von Adoptierten, die von ihren Blutsverwandten getrennt leben mussten; weder Freudengesänge noch Wutschreie sind uns überliefert.

 

Nach der Adoption galt: Der Rest ist Schweigen.

 

In diesem Lande (USA) lebte der Adoptierte bis vor kurzem - bis der Gärstoff der 60er Jahre die verschiedenen Befreiungsbewegungen hervorbrachte - unter dem Siegel der Verschwiegenheit. War er adoptiert, sagte er es keinem. Wollten sie etwas über ihre Vergangenheit erfahren, blieben sie dennoch stumm, stellten keine Fragen. Fühlten sie sich entwurzelt und entfremdet, sie ertrugen es. Hatten sie Angst davor, unwissentlich mit einem Bruder oder einer Schwester Blutschande zu treiben, so blieben sie ledig. Sie verkörperten die wahre schweigende Mehrheit. Sie spielten das Adoptionsspiel mit.

 

Spielregeln

 

Ohne es zu beabsichtigen, hat uns R.D. Laing in seinem Buch Knots vollendet beschrieben, wie sich die Welt in den Augen des Adoptierten ausnimmt. Hier haben wir eine Reihe von menschlichen Interaktionen - Verwicklungen, Sackgassen, Bürden, Funktionsstörungen, Schwierigkeiten -, die das Spiel des Lebens ausmachen, so wie Menschen es miteinander spielen.

 

Sie spielen ein Spiel.

 

Sie spielen, kein Spiel zu spielen.

 

Wenn ich ihnen zeige, dass ich sehe, dass sie das tun, verstoße ich gegen die Regeln, und sie werden mich bestrafen.

 

Ich muss ihr Spiel mitspielen, muss spielen, nicht zu sehen, dass ich das Spiel sehe.

 

Bis jetzt hieß es, die Spieler des Adoptionsspiels bildeten ein Dreieck: Adoptiveltern, leibliche Eltern und das Kind. Aber tatsächlich sind daran viel mehr Menschen beteiligt - die Sozialarbeiter, die das Kind unterbringen, die Rechtsanwälte und Ärzte, die nebenher Adoptionen arrangieren, die Richter, die die Akten zu Verschlusssachen erklären, die Bürokraten, die die Akten bewachen wie Löwen die heiligen Tempel, in denen die Gottheit wohnt.

 

Als ob

 

Eine andere Bezeichnung für das Adoptionsspiel (ob nun kreis- oder dreiecksförmig) ist das "Als-ob"-Spiel. Jeder tut so, als ob der Adoptierte zur Familie gehöre, die ihn oder sie aufzieht, und zwar zu ihr gehöre auf allen Ebenen, nicht nur auf der sozialpsychologischen Ebene. Diese Version erinnert an das Bild vom Kaiser ohne Kleider: Jeder muss vorgeben, der Adoptierte habe nie andere Eltern gehabt. Die Adoptiveltern schließen das Kind in die Arme, als ob es Blut von ihrem eigenen Blut wäre, und verlangen von ihm, so zu leben, als ob dies wahr wäre. Es soll an der Illusion teilnehmen.

 

Im Prozess der Adoption steckt die Erwartung, dass das Kind die leiblichen Eltern als tot betrachtet - wenn nicht buchstäblich, so doch eindeutig symbolisch. Anders ausgedrückt, die leiblichen Eltern sind tabu.