
Abgebende Mütter
Das vorherrschende Bild abgebender Mütter ist in der Gesellschaft negativ besetzt. Waren es in der Vergangenheit die christlichen Moralvorstellungen des Bürgertums, welche Mutter und Kind verurteilten und diskriminierten, stoßen die Mütter heute auf Unverständnis und Ablehnung, da sie scheinbar leichtfertig mit Verhütungsmitteln umgehen oder keine benutzen.
Entsprechend der gesellschaftlichen Doppelmoral entzogen sich noch bis vor wenigen Jahrzehnten die Väter meist jeglicher Verantwortung für die Folgen ihrer (außerehelichen) Sexualität. Auch heutzutage fühlen sich viele Männer in einer fast archaisch anmutenden Weise am Zustandekommen einer Schwangerschaft unbeteiligt. Der Geschlechtsakt und die Zeugung eines Kindes sind für sie voneinander völlig getrennte Vorgänge.
Auch wenn sich die Rolle von Vätern im Laufe der letzten Jahre gewandelt hat, reagieren Väter (von Kindern die später zur Adoption freigegeben werden) auf die Nachricht einer ungeplanten Schwangerschaft i.d.R. mit Ablehnung. Anstatt sich der Mitverantwortung für das entstehende Leben zu stellen und gemeinsam mit der Mutter nach Lösungen zu suchen, drängen sie diese meistens zu einer Abtreibung. Wenn die Abtreibung von den Müttern aus verschiedensten Gründen abgelehnt wird, ist der Bruch der Beziehung durch die Kindesväter vorgezeichnet.
Bis zum Siegeszug der Pille war es üblich, Männern zumindest eine Mitverantwortung am Zustandekommen einer Schwangerschaft zu geben. Die Doppelmoral der Gesellschaft ist auch noch lebendig, sie hat sich nur geändert. Statt des Keuschheitsgebotes gilt jetzt das Verhütungsgebot, welches wieder einseitig die Frauen trifft.
Der Gebrauch von Kondomen, welcher mittlerweile in groß angelegten Werbekampagnen angepriesen wird, hat den Schutz vor Aidserkrankung zum Ziel. Diese Werbung spiegelt das Verhältnis der Gesellschaft zur Verhütung durch den Mann. Erst durch die Angst vor Ansteckung mit einer lebensgefährlichen Erkrankung wurde das Kondom gesellschaftsfähig. Die Verhütung ist ein Nebeneffekt und wird bei der Werbung ausgeblendet. Sofern eine Paarbeziehung etwas länger andauert bzw. die Angst vor Ansteckung nicht mehr besteht, überlassen die meisten Männer die Verhütung wieder alleine den Frauen.
Oft fühlen sich Frauen auch tatsächlich für die Schwangerschaft alleine verantwortlich, da sie die gesellschaftlichen Normen verinnerlicht haben und somit auch in ihren eigenen Augen alleine „schuldig“ sind. Die Kindesväter werden durch diese Haltung der Mütter entlastet und können sich so noch einfacher ihrer Verantwortung für die von ihnen gezeugten Kinder entziehen. Diese Väter lassen adoptieren.
Um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden, ist es unerlässlich, dass in Elternhaus und Schule Mädchen und Jungen rechtzeitig umfassend aufgeklärt werden, Zugang zu Verhütungsmitteln erhalten und ihnen klargemacht wird, dass am Zustandekommen eines Kindes Frau und Mann gleichermaßen beteiligt und hierfür gleichermaßen verantwortlich sind.
Nicht alle Väter ziehen sich völlig verantwortungslos aus dem Leben der werdenden Mutter zurück. Oft können sie aufgrund ihrer Jugend oder einer fehlenden ökonomischen Basis keine oder kaum Hilfe leisten. Hat auch die werdende Mutter keine eigene finanzielle Basis, fallen dann noch Großeltern oder andere Verwandte als Unterstützung aus, ist der Adoptionsweg oftmals vorgezeichnet, der vielfach von den Jugendämtern als Königsweg angesehen wird. Entsprechend fallen die „Beratungen“ der Mutter aus.
„Es ist an der Zeit, dass in reichen Industrieländern zur Kenntnis genommen wird, dass es nicht die viel zitierten individuellen Probleme der Mütter sind, die einer Adoption vorausgehen. Nicht die individuelle Unfähigkeit, die Unlust, das Versagen, die Gleichgültigkeit, die mangelnde Mütterlichkeit, sind die Entscheidungsgrundlagen für abgebende Mütter, sondern die soziale Ungleichheit, die Benachteiligung (insbesondere junger) Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und die Unfähigkeit bzw. der Unwille des sozialen Rechtsstaates, Lebensformen zu tolerieren und zu fördern, die der Auffassung von „vollständiger Familie“ und „heiler Welt-Idylle des Kindes“ nicht in allen Punkten entsprechen“.
Diese Feststellung von Frau Dr. Christine Swientek (Die abgebende Mutter im Adoptionsverfahren) trifft heute in Bezug auf das „Tolerieren“ nicht mehr in vollem Umfang zu. Was aber die „Förderung“ allein erziehender Eltern und deren Kindern anbelangt, haben sich die Bedingungen kaum verbessert. Fehlende Hortplätze, ungünstige Kindergartenöffnungszeiten, unregelmäßiger Unterrichtsbeginn und –ende an den Schulen, finanzielle Benachteiligung, unflexible Arbeitszeiten, fehlende Teilzeitarbeitsplätze, etc. Betroffene können ein Lied mit vielen Strophen davon singen.
Nahezu allen Freigaben zur Adoption geht das völlige „alleingelassen werden“ der Mütter voraus. Der finanziellen und psychischen Not gesellt sich die soziale Ausgrenzung hinzu. Lt. einer Untersuchung von Claudia Wendels (Mütter ohne Kinder – wie Frauen die Adoptionsfreigabe erleben) waren alle abgebenden Mütter in erheblichem Maße von der Bereitschaft anderer, materielle und emotionale Unterstützung zu gewähren, abhängig. Diese Unterstützung wurde den Müttern völlig oder in erheblichem Maße verweigert.
Nur in wenigen Fällen kamen die abgebenden Mütter selbst auf den Gedanken, ihr Kind zur Adoption freizugeben; oftmals wurden sie von ihren Eltern, dem Kindesvater, Mitarbeitern in sozialen Einrichtungen, Ärzten, Arbeitgebern, Kollegen, Freunden und Bekannten auf die Möglichkeit einer Adoptionsfreigabe aufmerksam gemacht und von diesen zum Teil massiv unter Druck gesetzt. Vor allem jüngere Frauen, die noch zuhause lebten, konnten sich oftmals nicht dem Willen der eigenen Eltern entziehen (Claudia Wendels).
Viele Frauen, die sich vertrauensvoll an Jugendämtern oder Beratungsstellen wandten, um nach Hilfsmöglichkeiten für ein Leben mit Kind zu fragen, wurden an Adoptionsvermittler weitergereicht, ohne, dass man sie ausreichend über andere Alternativen informiert und aufgeklärt hatte.
„Die Faszination durch die Adoption zeigt sich natürlich auch in der Gestaltung der Vermittlungspraxis. Wer sich für die Adoption interessiert, erhält zumeinst umgehend eine auf Hochglanzpapier gedruckte Broschüre und eine Literaturliste – wer hingegen Informationsmaterial über verschiedene Möglichkeiten der Tagesbetreuung oder einen Beratungsführer wünscht, geht zumeist leer aus.“ (20 Jahre Adoptionsreform – 10 Jahre Adoptionsforschung von Dr. Martin. R. Textor)
